Interview mit Ulf Schneider in der Berliner Zeitung: Der aktuelle Stand der Ost-West-Beziehungen.

13.11.2024

„Russland ist ein europäisches Land“

Ulf Schneiders Unternehmen ist in Russland und der Ukraine tätig. Sanktionen hält er für ineffektiv.
Er wünscht sich eine Wiederannäherung.

Montag in Kasachstan, Mittwoch in Aserbaidschan, Freitag in Moldau und am Wochenende in Ber- lin. Ulf Schneider ist viel unterwegs – vor allem in Gefilden östlich der Oder. Seine 2003 gegründete Consultingfirma Scheider Group berät internationale Unternehmen beim Markteintritt und der Geschäftsentwicklung in mehreren postsowjetischen Ländern – auch in Russland und in der Ukraine.
Doch wer will heutzutage noch in Russland investieren und sich in Moskau oder Sankt Petersburg niederlassen? Wer erkennt ein wachsendes Geschäftsfeld in der kriegsgebeutelten Ukraine? Und was ist mit dem Kaukasus und Zentralasien – beides aufstrebende Regionen. Wir treffen Ulf Schneider, der für wenige Tage in Berlin ist, in den Räumlichkeiten des Berliner Verlags am Alexanderplatz.

Herr Schneider, Sie halten weiterhin an Ihren Büros in Russland und der Ukraine fest – man könnte Ihnen dafür Mut attestieren. Was entgegnen Sie Kritikern, die fordern, man müsse sich aus Russland oder auch aus Belarus vollständig zurückziehen, da jedwedes Geschäft den Angriffskrieg auf die Ukraine finanziere?
Glauben Sie mir, diese Frage habe ich mir seit Februar 2022 häufig gestellt. Ich lasse mich durch drei Überlegungen leiten: Trägt mein Handeln zum Frieden bei? Trägt es zur Freiheit bei? Trägt es zur Verständigung zwischen Menschen und Völkern bei? Und genau darin mache ich fest, wo ich beruflich tätig bin und wo nicht. Ich möchte dazu beitragen, dass trotz angespannter politischer Situationen auf menschlicher Ebene so viel wie möglich Kontakte beibehalten werden. Deshalb habe ich auch Büros in Russland wie auch der Ukraine – und zwar mit demselben Firmennamen.

Was ist Ihre erste Erinnerung an Osteuropa?
Da war ich sieben Jahre alt. Ich bin östlich von Hamburg, aufgewachsen. Meine Eltern hatten gute Freunde in Mecklenburg und wir sind dann häufig im Rahmen des kleinen Grenzverkehrs in die DDR gefahren. Das war auf der einen Seite sehr schön, auf der anderen Seite aber auch problematisch. Bei unseren Freunden stand nämlich, immer nachdem wir sie besucht hatten, die Stasi vor der Tür. Wir entschieden dann gemeinsam, uns lieber an einem neutraleren Ort zu treffen – und wählten Polen, die Masurische Seenplatte. Wir waren dann häufig nahe der polnisch-sowjetischen Grenze.

Im Grenzgebiet mit dem heutigen Litauen oder Belarus?
Das war die heutige polnisch-belarussische Grenze. Ich kann mich noch ganz gut an die meterhohen Grenztürme erinnern und die Soldaten. Mein Vater sagte zu mir: „Das ist Russland – dort wirst du nie in deinem Leben hinkommen.“ Doch mit den regelmäßigen Reisen an die Masurische Seenplatte, durch das lange Warten an den Grenzen, all die Mauern und Zäune habe ich ein großes Interesse für die Region östlich der Elbe entwickelt.

Das schlägt sich in Ihrer Biografie nieder.
Nach meinem Studium war ich zunächst für einen amerikanischen Konsumgüter- Konzern tätig und entwickelte so auch erste Kontakte nach Russland. Ich sammelte erste konkrete Erfahrungen mit den Menschen vor Ort.

2003 gründeten Sie die Schneider Group. Der Kanzler in Deutschland hieß damals noch Gerhard Schröder, Wladimir Putin war seit wenigen Jahren im Amt. Was für einen Ein- druck hat diese Zeit bei Ihnen hinterlassen?
Es gab irre viele Geschäftsmöglichkeiten. Ein Meer an deutschen Mittelständlern ist damals nach Russland gekommen, um den dortigen Markt als neuen Absatzmarkt zu entwickeln. Ich glaube schon, dass es am Anfang dieses Jahrhunderts eine große Chance gab, dass die Europäische Union und Russland einen gemeinsamen Markt entwickeln, einen gemeinsamen wirtschaftlichen Raum, einen gemeinsamen humanitären Raum, einen Raum ohne Grenzen, ohne Visa.

Besonders auf den damaligen, überaus jungen Präsidenten Dmitri Medwedew setzte der Westen große Hoffnungen.
Ich denke da an das Jahr 2012 zurück. Wenn ich mich recht erinnere, waren wir so knapp bei 100 Milliarden Euro Handelsvolumen. Das war etwas sehr Bedeutendes sowohl für Deutschland als auch für Russland. Wir haben damit nämlich eine gewisse Verflechtung und wirtschaftliche Abhängigkeit in beide Richtungen entwickelt.

Spätestens mit Beginn des Krieges im Frühjahr 2022 wurde diese deutsche Abhängigkeit von russischen Rohstoffen scharf kritisiert.
Aus heutiger Sicht halte ich es für weiterhin sinnvoll, was wir gemacht haben. Erinnern Sie sich: Vor zwölf Jahren waren wir nah dran, ein visafreies Reisen zwischen Berlin und Moskau oder Hamburg und Sankt Petersburg zu ermöglichen. Dass es dann anders gekommen ist, wissen wir alle.

Nostalgie hilft Ihnen bei Ihrem Alltagsgeschäft – ob in Russland oder Belarus – aber nicht weiter, oder?
Es ist unrealistisch, dass wir zu den alten Zeiten zurückkommen. Frustration und Enttäuschung gibt es auf beiden Seiten. Das will ich überhaupt nicht werten, sondern ist nur meine Beobachtung. Ich sage aber auch, dass ich weiterhin spüre, dass beide Seiten, also Russen und Deutsche, irgendwie wieder mehr miteinander interagieren wollen.

Können Sie das konkretisieren?
Wenn ich in Russland, aber auch hierzulande auf Veranstaltungen mit Geschäftspartnern spreche, dann existiert allemal der Wunsch, dass man doch irgendwie wieder eine gemeinsame Zukunft entwickeln müsse. Ich behaupte, der Faden ist nicht vollständig durchschnitten. Außerdem nehme ich persönlich wahr, dass sich russische Vertreter mit ihren neuen „Freunden“ aus Asien oder Afrika schwertun. Russland ist ein europäisches Land. Meine große Hoffnung ist, dass wir gemeinsam eine Vision entwickeln, wie wir in Zukunft miteinander umgehen wollen. Da geht es um Möglichkeiten des gemeinsamen Handels, wieder mehr kulturellen und wissenschaftlichen Austausch. Sollte es wenigstens solch eine Vorstellung geben, dann denke ich, wird es einfacher sein, Wege dorthin zu finden.

In welchen Bereichen berät die Schneider Group Unternehmen in Osteuropa?
Wir sind auf wirtschaftlicher Ebene so etwas wie eine Brücke zwischen Ost und West. Von der ersten Überlegung, wie man in den Markt in Osteuropa investieren will, bis zum vollumfänglichen Ausbau der Geschäftsidee vor Ort stehen wir beratend beiseite. Von der Marktanalyse über die Firmengründung, Rechts- und Steuerberatung bis hin zur Übernahme des Finanzwesens.

Wo genau sind Sie vertreten?
Die Schneider Group ist in fast allen Ländern der ehemaligen Sowjetunion vertreten. In Russland und Kasachstan haben wir zudem jeweils mehrere Büros. Hinzu kommen Standorte in Polen, Serbien und Österreich. Derzeit arbeiten bei uns etwa 500 Mit- arbeiter an insgesamt 18 Standorten.

Sie haben Ihre Büros in Kasachstan angesprochen. Vor wenigen Monaten war Bundeskanzler Olaf Scholz mehrere Tage in der Region. Wie wichtig wird Zentralasien noch für Deutschland werden?
Durch die geopolitischen Spannungen zwischen dem Westen und Russland befindet sich Zentralasien in einer geostrategisch äußerst interessanten Lage. Ich sehe eher die Chancen als die Risiken. Stichwort: Mittlerer Korridor.

Hat der Mittlere Korridor – also die Handelsroute, die von China über Zentralasien, das Kaspische Meer und den Südkaukasus bis nach Europa reicht – eine Chance, den Nordkorridor, der über Russland geht, abzulösen?
Wenn es den zentralasiatischen Staaten und Ländern des Kaukasus gelingt, eine stabile politische Lage zu erhalten und die Wirtschaft vor Ort dynamisch bleibt, dann sehe ich große Chancen für die Region. Ähnlich wie bei der Entwicklung Taiwans, Singapurs oder Südkoreas in den vergangenen 30 Jahren kann sich auch aus Aserbaidschan, Usbekistan oder Kasachstan ein „eurasischer Tigerstaat“ herausbilden. Die geografische Lage ist jedenfalls ideal.

Glauben Sie, nach dem Ende des Krieges in der Ukraine werden die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland wieder aufgenommen?
Das glaube ich schon. Zurück zu einem business as usual wird es wahrscheinlich auch die nächsten zehn Jahre nicht gehen, es wird vielmehr ein stufenweiser Prozess. Sollte es jedoch zu einem Waffenstillstand zwischen der Ukraine und Russland kommen, kann ich mir eine langsame Wiederaufnahme der ökonomischen Verflechtungen sehr gut vorstellen. Da geht’s dann aber eher um kleinere Projekte. So etwas wie Nord Stream 2 erscheint mir unrealistisch.

Welche Bereiche der Zusammenarbeit erscheinen Ihnen realistisch?
Ich denke da zunächst an die Industrien, die von den Sanktionen nicht betroffen sind – der Bereich Lebensmittel oder der pharmazeutische Sektor. Wenn der politische Wille zu gegebener Zeit da ist, könnten westliche Staaten auch Sanktionen zurücknehmen, die sowieso keinen erhofften Effekt auf die Führung in Russland haben.

Das wären?
Um einfache Begegnungen zwischen den Menschen wieder zu ermöglichen, sollte man den regulären Flugverkehr wieder aufnehmen.

Wie kommen Sie eigentlich aktuell von Moskau nach Berlin und zurück?
Meistens über Istanbul, manchmal über Belgrad. Die Flugsanktionen sind das größte Subventionsprogramm für Turkish Airlines oder Pegasus.

Auch die kriselnde deutsche Automobilindustrie war eine wichtige Säule in der russischen Wirtschaft.
Allgemein gesprochen plädiere ich dafür, dass wir uns fragen sollten: Wo hat Deutschland wahnsinnig viel verloren statt gewonnen? Die Chinesen haben zum Beispiel sehr schnell sehr viel von uns in Russland übernommen. Es ist nicht so, dass Russland jetzt irgendetwas groß fehlt. Wir müssen deshalb aufpassen, dass wir gewisse Märkte, die wir sanktioniert haben, nicht dauerhaft verlieren.

Einerseits sprechen Sie von einer kulturellen Nähe Russlands zu Europa. Andererseits sprechen Sie auch das verstärkte Engagement der Chinesen in Russland an. Wie wird das ausgehen?
Ich sehe das so: Sollten in den nächsten zwölf Monaten die Kfz-Sanktionen des Westens zurückgedreht werden und es möglich sein, einen BMW oder Mercedes auf direkten Wegen von Deutschland nach Russland zu verkaufen, dann werden die russischen Unternehmen auch bereit sein, das zu tun. Die Russen würden sofort wieder deutsche Autos kaufen und den chinesischen Wagen in die Garage schieben. Ob das in fünf Jahren auch noch so sein wird? Das ist schwer vorhersehbar.


Interview: Nicolas Butylin

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